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Perspektiven für die Fabrik der Zukunft |
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Eine einführende Betrachtung in das Buch "Produktionswirtschaft 2000" von Kurt Nagel / Roland Erben / Frank Piller |
1. Technologie und wirtschaftlicher Wandel: Eine Revolution der Information?
Wenn die Diffusion und der Penetrationsstand von Schlagworten als Indikator für reale Entwicklungen gelten können, dann leben wir heute im Zeitalter der Information: Informationsgesellschaft, Informationsrevolution, Information Superhighway, Information broker ... – viele Schlagworte, die den gleichen Trend charakterisieren: Getrieben von den technologischen Entwicklungen und neuen Anwendungsgebieten der modernen Informations- und Kommunikations- (IuK-)Technologien wandeln sich seit einigen Jahren die industriellen Wertschöpfungsaktivitäten in geradezu spektakulärem Ausmaß. Dabei steht der Begriff der IuK-Technologie für die Gesamtheit der zur Speicherung, Verarbeitung und Kommunikation zur Verfügung stehenden Ressourcen eines Unternehmens sowie die Art und Weise, wie diese Ressourcen organisiert sind (vgl. Krcmar 1997, S. 31). Der Versuch einer – auch nur annähernd – umfassenden Darstellung dieser Entwicklungen in einem Buch ist ein nahezu unmögliches Unterfangen. Dennoch will das vorliegende Werk einige zentrale Aspekte im Bereich der industriellen Produktion aufzeigen.Zu Beginn einer solchen Auseinandersetzung sollte man sich jedoch vor Augen führen, daß die derzeitige „informationelle Revolution" bei weitem nicht die erste Phase einschneidender wirtschaftlicher Veränderung als Folge einer Diffusion neuer Technologien ist. Bereits die industrielle Revolution, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Gesicht der Welt veränderte, war eine Folge der Potentiale neuer Technologien. Diese erlaubten auf einem mal die schnelle und kostengünstige Produktion und den Transport von Gütern über für damalige Vorstellungen ungeheure Distanzen. Aus dem Erkennen von Losgrößenvorteilen resultierte die Bildung riesiger Organisationen, welche bald schon die bestehende Wirtschaftsstruktur dominierten. Die Weiterentwicklung und Perfektionierung dieser Systeme führte zur Massenproduktion in ihrer heute bekannten Form.
Auch heute sind es wieder neue Technologien, die gewaltige Änderungen in der Wirtschaft auslösen, neue Branchen entstehen und alte in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lassen. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zu den Entwicklungen am Ende des letzten Jahrhunderts: Die Veränderungen durch die industrielle Revolution wurden durch neue Produktions- und Transporttechnologien bestimmt. Die „Informationsrevolution" dagegen – obwohl auch sie diese Technologien stark berührt – basiert in erster Linie auf Veränderungen der Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten. In jedem Wertschöpfungsprozeß arbeiten Menschen zusammen, treffen Entscheidungen, verteilen Ressourcen und Aufgaben. Die damit verbundenen, rein informations-basierten Koordinationstätigkeiten werden durch die neuen IuK-Technologien am stärksten beeinflußt und verändert. Diese sind von ihrer wesentlichen Wirkung her keine „Computer" (von to compute: berechnen, kalkulieren), sondern müssen vielmehr als Koordinationstechnologien gesehen werden, die den Aufgabenvollzug aller Akteure miteinander abstimmen. Durch die Reduzierung der Kosten für intra- und interorganisationale Koordination bei gleichzeitig stark verbesserter Qualität und Geschwindigkeit werden neue Formen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit ermöglicht (vgl. Malone/Rockart 1993). Diese Veränderungen begründen ein neues Paradigma der industriellen Wertschöpfung, das am Ende dieses Beitrags noch näher charakterisiert wird.
Ohne an dieser Stelle die weitreichende Diskussion über die unterschiedlichen Konzeptionen der Informationsgesellschaft aufgreifen zu wollen, kann dieser Begriff in erster Linie als (Leit-)Bild für eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform verstanden werden, „in der die Gewinnung, Speicherung, Verarbeitung und Nutzung von Informationen und Wissen einschließlich wachsender Möglichkeiten der interaktiven Kommunikation eine entscheidende Rolle spielen" (BMBF 1995, S. 9f.). Die neuen IuK-Technologien tangieren inzwischen praktisch alle Lebensbereiche. Die Informationsgesellschaft ist eine Gesellschaft, in der der Umgang mit Informationen im Vergleich zum Umgang mit physischen Stoffen an Bedeutung gewinnt. Wirtschaftliche Organisationen sind als wichtiger Teil der Gesellschaft von diesen Veränderungen genauso betroffen wie der öffentliche Bereich und die privaten Haushalte.
In Anbetracht der Geschwindigkeit, mit sich die Industrie- zur Informationsgesellschaft wandelt, werden die Veränderungen häufig mit dem Ausdruck Informationsrevolution charakterisiert. Der Begriff soll als zusammenfassende Metapher nicht nur Tragweite und Dauerhaftigkeit der durch die neue Rolle der Information verursachten grundlegenden Umgestaltungen auf wirtschaftlicher wie gesellschaftlicher Ebene beschreiben, sondern auch die Dynamik der Änderungen widergespiegeln: Die Informationsrevolution ist kein statischer Zustand, sondern vielmehr ein Entwicklungsvorgang – der Weg von der Industrie- zur Informationsgesellschaft. Der Begriff beschreibt also zusammenfassend die Auswirkungen des fortschreitenden Einsatzes der neuen IuK-Technologien und der somit entstehenden neuen Möglichkeiten zur Verarbeitung und Nutzung von Informationen. Im Rahmen des vorliegenden Werkes stehen hierbei natürlich die Auswirkungen auf wirtschaftliche Organisationen (Unternehmen) im Vordergrund.
Fraglich bleibt allerdings, ob dieser Vorgang auch tatsächlich aus wissenschaftlicher Sicht das Attribut „revolutionär" verdient. Die Konzeption von Kuhn, der wissenschaftliche Revolutionen als Paradigmenwechsel beschreibt, beherrscht heute auch die Betriebswirtschaftslehre. Ein Paradigma bezeichnet in diesem Zusammenhang die Gesamtheit der Aussagen oder Problemlösungsmuster, die in einer bestimmten „wissenschaftlichen" Gemeinschaft Geltung haben. Wissenschaftliche Revolutionen sind „those non-cumulative developmental episodes in which the older paradigm is replaced in whole or in part by an incompatible new one" (Kuhn 1970, S. 92). Das heißt, auf eine „normale" Zeit folgt eine krisenhafte Phase, in der fachliche Fragen, über die bisher ein allgemein akzeptiertes Verständnis herrschte, wieder kontrovers diskutiert werden. Ein neues Paradigma entspringt letztendlich den subjektiven Überzeugungen und Argumentationen der beteiligten Wissenschaftler und zeigt sich in einer deutlich erkennbaren, „revolutionären" Ablösung bislang herrschender Annahmen und Methoden.Die Entwicklungen der neuen IuK-Technologien allein halten dem von Kuhn erhobenen Anspruch nicht stand. Vielmehr dominieren hier vergleichsweise rudimentäre, schrittweise Verbesserungen und Leistungssteigerungen bestehender Technologien das Feld. Der fast schon inflationär zitierte „Paradigmenwechsel" findet auf diese Weise allerdings noch nicht statt. Jedoch haben Verbreitung, Leistungsfähigkeit und gegenseitige Vernetzung dieser Technologien in den letzten Jahren eine Dimension erreicht, die ihnen in der Summe durchaus eine völlig neue Rolle zukommen läßt. Allerdings verdient nicht die Entwicklung der Technologien selbst das Attribut „revolutionär", sondern deren Möglichkeiten für eine radikale Neugestaltung betrieblicher und auch gesellschaftlicher Prozesse. Folgt man der Sichtweise der Informationsgesellschaft als Ergebnis eines fünften Kondratieff-Zyklus‘ (siehe z.B. Forunier 1994; Nefiodow 1990), dann läßt sich durchaus von einer „revolutionären" Entwicklung sprechen. Technischer Fortschritt kann als wesentliche Triebkraft für sozialen und wirtschaftlichen Wandel gesehen werden. Derzeit sind es vor allem IuK-Technologien, die hier eine zentrale Rolle spielen. Als Schlüsseltechnologien beeinflussen sie sowohl die Entwicklungen einer bestimmten Periode und besitzen auch aus einzelwirtschaftlicher Sicht einen dominierenden Einfluß auf die Wettbewerbsfähigkeit. In der Folge vollzieht sich wirtschaftliche Wertschöpfung sowohl innerhalb eines Unternehmens als auch zwischenbetrieblich in völlig neuen Formen und Strukturen.
In zahlreichen Beiträgen dieses Werkes wird dargestellt, wie dieses neue „Paradigma" in Hinblick auf die industrielle Produktion ausgestaltet werden kann und warum es tatsächlich zu einem Aufgreifen eines ganzen Sets an neuen technischen und organisationalen Prinzipien kommt. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht dabei die Produktion von Sachgütern. Damit soll u.a. auch dem Trend entgegengewirkt werden, daß in der Diskussion um die „Informations-" und „Dienstleistungsgesellschaft" der Erstellung physischer Güter am Standort Deutschland in Zukunft nur noch ein Schattendasein zugebilligt wird. Eine derartige Vernachlässigung der Produktion ist jedoch unverständlich und gefährlich. Schließlich wird erst durch die schnelle und kostengünstige Herstellung qualitativ hochwertiger und individualisierter Leistungsbündel die Verwirklichung neuer Differenzierungsvorteile ermöglicht, die im Gegensatz zu lediglich marketingstrategisch basierten Wettbewerbsansätzen zu nachhaltigen Erfolgen führen.
Auch eine Dienstleistungsgesellschaft „bedarf der Industrie als Motor und Nährboden" (Reichwald/Möslein 1995, S. 333). Die Analyse der Auswirkungen der Informationsrevolution auf den Produktionsbereich ist für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens – und damit für den „Standort Deutschland„ – von entscheidender Bedeutung. Unter diesem Aspekt sind die Veränderungen des Wettbewerbsumfeldes weniger als Gefahr, sondern eher als Chance zu sehen. Die Produktion in der Fabrik der Zukunft setzt v.a. eine gut ausgebaute Infrastruktur sowie ein exzellentes Ausbildungsniveau voraus – zwei der wenigen Standortvorteile, über die Deutschland noch verfügt. Dieses Potential kann jedoch nur dann zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit beitragen, wenn es auch entsprechend genutzt wird. Der intelligente Einsatz von IuK-Technologie spielt hierbei eine – wenn nicht die – entscheidende Rolle.
Angesichts der starken Integrationswirkung, welche die neuen IuK-Technologien auf die unterschiedlichen Wertschöpfungsstufen ausüben, erscheint eine Betrachtung der Sachgüterherstellung anhand der „klassischen" funktionalen Trennung (Beschaffung – Produktion – Absatz) überholt. Das vorliegende Werk ist daher im Sinne einer „Industriebetriebslehre" als umfassende Darstellung des Gesamtleistungsprozesses einer produzierenden Unternehmung zu sehen. Da die Integration des Prozesses der physischen Leistungserstellung in die gesamte Wertschöpfungskette nur durch die Vernetzung und Koordination mit vor-, nach- und übergeordneten Aktivitäten gelingen kann, liegt in der Behandlung dieser Aspekte einer der Schwerpunkte des Buches.
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